Aktuelles

Aktuell haben wir mit den Proben zu „Natürliche Auslese“ von Paul Jenkins begonnen.

Ein kaum beachteter Fleck dieser Erde, an dem man sich um die Erforschung der letzten Geheimnisse der Menschheit bemüht: Ausgerechnet an diesen verschlafenen Ort entführt uns Paul Jenkins und lässt seine Protagonisten vor unseren Augen mit brandheißen Themen der Gegenwart kämpfen, auf blutrünstige oder verzweifelte, ohnmächtige, wahnsinnige, exzessive, hilflose oder rührend-komische Art.

Wir sehen Vlad und Mash, von der Gesellschaft und der Politik übergangenen Zeitgenossen, dabei zu, wie sich deren Wunsch nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung in blutige Rachegelüste, tumben Rassismus und Menschenverachtung verwandeln. Oder wie mit der Entdeckung des Hominiden Gary unter dem Deckmantel der Wissenschaft gnadenlos dem Konsum gehuldigt wird. Wie selbst das Design für ein scheinbar makelloses Retortenbaby einem Paar nicht aus seiner Lebenskrise hilft, verfangen wie die beiden sind in der Durchsetzung ihres perfekten Lebensplans. Wir werden Zeugen der moralbefreiten Vermarktung menschlichen Erbgutes durch einen dem Menschenwohl verpflichteten Mediziner und sehen dabei zu, wie die panische Angst vor der falschen Entscheidung und dem Unerwarteten gequälte Protagonisten schließlich auf die Couch einer Psychotherapeutin führt. Deren fragwürdige Ratschläge versprechen allerdings nicht die Erlösung, die man den Verzweifelten wünschen würde. Einzig Joseph, Ausgrabungshelfer, verliebt in Archäologin Helen und durch seine scheinbare geistige Behinderung von niemandem wirklich ernst genommen, scheint sich den unverstellten menschlichen Blick auf das Zeitgeschehen bewahrt zu haben.

Paul Jenkins gibt uns mit „Natürliche Auslese“ eine Lupe in die Hand. Mit liebevollem, kritischem und britisch-humorvollem Blick auf die menschliche Gesellschaft lässt er uns in verschiedenen miteinander verwobenen Szenen einen Mikrokosmos beobachten, in dem brisante Fragen unserer Zeit verhandelt werden. Keine Frage, dass unser Blick durch diese Lupe geschärft wird, können wir doch das Große sehr deutlich im Kleinen erkennen.

(Text: Astrid Neubert)

 

Der Autor, Paul Jenkins, geboren 1971, lebt in London und war zunächst Schauspieler, bevor er am Goldsmiths College der Universität London Szenisches Schreiben studierte. Seine beiden Kurzdramen „Artism“ und „Metropoc“ wurden für die London Arts Biennale 2004 ausgewählt. Mit NATURAL SELECTION gewann er den „Kings Cross New Writing Award 2005“. Jenkins ist Gründungsmitglied des politischen Theaterkollektivs subVERSE am Theatre 503 in London und arbeitet daneben als Schauspieler, Dozent und Journalist.

 

Übersetzung: Raab, Michael

Hartmann & Stauffacher GmbH Verlag für Theater, Fernsehen, Hörfunk und Film

UA: 9.12.2006, Bayerisches Staatsschauspiel, München